Ein besonderes Spiel (zumindest für mich), erfordert besondere Vorberichte (ja da kommt noch was!). Zunächst der Blick auf die Taktik. Wie haben beide Teams zuletzt gespielt. Wie erwarten wir sie im direkten Duell am Samstag?

Darmstadt:

Der SVD gewann zuletzt sein zweites Heimspiel aus drei. Dazwischen verlor man äußerst unglücklich gegen den 1.FC Nürnberg, verlor spät zwei Zähler in Regensburg und schied im Elfmeterschießen in Kiel aus. Die Konstante dabei, die Lilien spielen aktuell keinen konstant guten Fußball. Dabei muss man aber beachten, dass der Fußball der 98er nicht schlecht „by design“ ist, die Jahre von Dirk Schuster liegen lang zurück. Man liegt in der Liga jeweils in den Kategorien Ballbesitz und Passgenauigkeit in den Top 5. Problem dabei, man spielt häufig in eher ungefährlichen Zonen [1]. 74% des eigenen Ballbesitzes finden im eigenen Drittel oder der Mitte statt. Die Tore fallen fast nie aus Kontern (3) und viel aus Ecken, Freistößen und Elfmetern. Lieblingsseite ist die Rechte für Angriffe, dass dies nicht ganz freiwillig geschieht, dazu kommen wir noch. Aus 14,1 Schüssen pro Partie machte man bislang 32 Treffer. Aus „echten“ Torschüssen (also wirklich aufs Tor) kam man zu guten „expected Goals“ Werten in den letzten Spielen. Man hat aktuell nicht unbedingt viele Chancen, aber wenn dann sind sie gut. Aus sieben Torschüssen gegen den Club gab es einen xG-Wert von2,8, gegen Osnabrück aus fünf den Wert 2,2[2]. Man hätte also höher gewinnen können oder in der Vorwoche zumindest nicht verlieren müssen.

#SVDOSN

Das letzte Spiel illustriert ganz gut, was momentan gut läuft und was nicht. Gegen den krisengeplagten VfL Osnabrück spielte man im bereits etablierten System der letzten Wochen. Es gibt keine Fünferkette mehr, stattdessen ein recht offensichtliches 4-1-2-2-1, etwas dass man schon aus der Hinrunde kennt. Dabei ist neu, dass Sechser Victor Palsson Innenverteidiger spielt. Vermutlich, weil nach seiner Verletzung, ein paar spielerische Probleme offenbar wurden. Dies ergibt eine spannende Umstellungsoption auf dem Feld. Sollte die Brechstange gebraucht werden, so tauscht Palsson einfach mit Rapp. Letzterer ist der Mann im defensiven Mittelfeld, der seinen Achter/Zehnern Mehlem und Kempe den Rücken freihält. Die Flügel besetzten Clemens (rechts) und Honsak (links). Aktuell bin ich offensiv kein Fan von Clemens, der Neuzugang ist im Dribbling (bislang) schwächer als Konkurrent Skarke. Der Ex-Heidenheimer dribbelte bislang erfolgreicher, der Ex-Kölner erreicht bislang in jedem Spiel nur ein gelungenes Dribbling. Bei Schüssen und schlechten Ballannahmen nehmen sich beide allerdings nicht viel.

Auf dem Platz gegen die lila-weißen agierte man wie Folgt: Mit dem Ball ein recht konservativer Aufbau. Osnabrück presste meist hoch, also spielte man mit der Viererkette auf einer Linie flach und suchte einen Weg heraus. Besonders vor der Pause kamen wenig Spieler aus dem Achterraum zurück und forderten den Ball. Auch Rapp bot sich selten an, also kam es oft zum lagen Ball der Außenverteidiger. Oder es sollte kommen, denn besonders über rechts gelang Patrick Herrmann wenig. Vermutlich wurde vom Gegner bewusst versucht das Spiel auf seine Seite zu lenken, weil er sich schwer tat unter Bedrängnis gut Ideen zu entwickeln. Je nachdem auf welcher Seite sich der Ball befindet, schiebt der ballferne Außenverteidiger in die Mitte. Ein Mechanismus dem man schon seit Saisonbeginn kennt. Als Anspielstation wurde dies aber selten genutzt. Insgesamt war der eigene Aufbau leicht zustellbar. Kein Wunder, dass das Tor nach Konter fiel.

Gegen den Ball wurde es etwas interessanter. Man attackierte häufig sehr hoch mit drei Mann in vorderster Linie. Aber nicht wie man denken könnte, mit der Angriffsreihe. Stattdessen fiel Serdar Dursun an den Mittelkreis zurück und überließ Mehlem das zentrale Anlaufen neben Honsak und Clemens. Möglicherweise um Kopfballstärke für lange Bälle zu erzeugen, ließ sich der Mittelstürmer fallen. Mehlem oder Kempe sind in der Luft eher weniger stark. Doch auch mit dieser Variante kam der VfL zu mehr Ballbesitz. Eher selten eigentlich, dass der SVD das Spielgerät abgibt. Es passte aber zu einem Spiel, in dem man auch nur 68% Passgenauigkeit hatte. Es wirkte sogar, als kämen die Gäste besser klar mit dem sehr fahrigen Spiel. Lange Ballbesitzphasen gab es kaum. Ballverluste waren das auffälligste Stilmittel. Es schien den Lilien nicht zu gefallen.

St.Pauli:

Wie St.Pauli aktuell spielt ist nicht schwer zu prophezeien, tritt man doch seit Wochen auf dem Papier unverändert auf. Kein Wunder, denn man spielt sehr erfolgreich. Seitdem späten 3:2 in Hannover gab es nur eine Niederlage gegen Bochum. Der Rest waren Siege, unter anderem in Heidenheim, wo man noch nie irgendetwas holen konnte. Die neue Liebe des FCSP heißt Raute. Schwer zu glauben, aber zumindest systematisch passt es so sehr gut. Zumindest so lange auf der rechten Außenbahn ein Ryo Miyaichi fehlt. Blickt man auf die xG-Werte der Kiezkicker, so sieht man, dass sie ihre Gegner gerne deutlich ausstechen, wie in Nürnberg (3,8 zu 0,7). Aber auch effiziente Auftritte wie gegen Hannover oder Regensburg gewann man (beide Gegner hatten jeweils die höhere Torwahrscheinlichkeit). Seine Treffer erzielt man am liebsten aus dem offenen Spiel (23), Standards haben keinen so hohen Stellenwert wie bei Darmstadt (8). Auch hält braun-weiß den Ball wesentlich weniger im eigenen Drittel. Klar, schnelles Spiel von hinten raus hat seine Vorteile, man ist aber besonders auf Ballgewinne im Mittelfeld getrimmt. Dort spielt sich der Ballbesitz des FCSP am häufigsten ab (45%).

#FCNFCSP

Mittlerweile dürfte jeder das Video von Robert Klauß gesehen haben, der seinen Matchplan erklärt. Ein Grund, warum der nicht funktioniert hat war der FCSP. Die schon erwähnte Raute bildet sich mittlerweile aus Smith defensiv, Zalazar halblinks, Becker halbrechts und Kyereh auf der Zehn. Dazu agieren die Stürmer Burgstaller und Marmoush enorm variabel. Marmoush fällt eher mal tief in Ballbesitz zurück und unterstützt Kyereh, während Burgstaller immer wieder auf Rechtsaußen ausweicht. Wichtig ist beim eigenen Ballbesitz und defensiv, dass Becker und Zalazar teilweise eine Seite überladen und so den Gegner unter Druck setzten. Das geht zu Lasten von Seitenverlagerungen in der Offensive, aber bietet situativ zusätzliche Anspielstationen bzw. Pressingspieler. Von den beiden Achtern ist es auch Becker der häufiger defensiv zurückfällt, wenn der Gegner attackiert. Besonders so am Sonntag, als Smith ausgewechselt wurde. Ob das allgemein so sein soll oder als Unterstützung von Aremu gedacht war, lässt sich schwer klären. Mit Smith stand der FCSP nie so tief. Der Schwede ist maßgeblich für die bessere Stabilität zuständig. Zusammen mit James Lawrence ist er für die „Interceptions“ zuständig. Gegen den Club fing Smith zwei Bälle ab (in nur 50 Minuten), Lawrence ebenso, der Waliser kam auch noch auf sechs klärende Aktionen[3].

In der Offensive ist mittlerweile auch Leart Paquarada eine Schlüsselfigur. Er rückt sehr viel häufiger als sein Pendant Ohlsson mit auf und ersetzt so einen „echten“ Flügelspieler. Seine Flanken sind enorm gefährlich und fußballerisch weiß er im Zusammenspiel mit Zalazar und Marmoush mitzuhalten. So sind kurze Passaktionen möglich auf technisch hohem Niveau, die Raum und Geschwindigkeit erzeugen. Defensiv wird diese Seite dadurch natürlich für Konter anfälliger. Hier kommt das Zweikampfverhalten von Lawrence zum Tragen, der sehr gut ist solche Situationen zu antizipieren. Gegen den Ball presst der FCSP situativ höher oder niedriger, aber meist in einem 4-3-3 mit Kyereh als zusätzlicher Anläufer vorne. Burgstaller gibt mittlerweile den Anweiser in diesen Situationen der Mitspieler dirigiert oder das Startsignal gibt. Liegt man in Front, ist die momentane Absicherung die Fünferkette. Neuzugang Tore Reginiussen kommt als weiterer Prellbock. Wobei er auch mit einer starken Balleroberung und Sprint beinahe das 3:1 vorbereitet hätte. Der norwegische Nationalspieler ist definitiv eine Option für die Startformation. Ansonsten lebt das Spiel des FCSP weiter von vielen technisch hochwertigen Aktionen und Dribblings. Hier hat man nach der Schwächephase wieder enorm hat Qualität und Durchschlagskraft gewonnen, besonders in engen Räumen und statischen Situationen.

Aussicht und Schlüsselduelle:

Was erwarten wir vom Spiel? Im Prinzip wird St.Pauli versuchen, dem SVD Probleme zu bereiten, wie es Osnabrück getan hat. Man wird im Mittelfeld auf Umschaltaktionen lauern bzw sie erpressen. Darmstadt braucht einen Plan seine spielerische Armut der letzten Zeit zu überwinden. Man ist enorm abhängig von Kempe und Dursun, die beide nicht mehr auf dem Niveau des Saisonstars produzieren. Dazu hat man Probleme im Spielaufbau aus der letzten Reihe. Aus Sicht der 98er könnte Honsak auf links gegen den rechten Verteidiger Ohlsson ein Schlüsselduell werden. Honsak ist ein unangenehmer Gegenspieler für St.Pauli. Er ist physisch, schnell und technisch gut, er dürfte Ohlsson in Sachen Speed und Technik überlegen sein. Bekommt man ihn in den Rücken des Schweden wird es gefährlich. Auf der andren Seite das gleiche Spiel, Herrmann könnte große Probleme mit der linken Seite der Kiezkicker bekommen. Der Ex-Kieler ist nicht unbedingt pressingresistent und dürfte von Zalazar und Marmoush ordentlich Feuer bekommen. Er wird Unterstützung benötigen. Wer in der Innenverteidigung spielt ist noch unklar, bleibt es bei Palsson? Wer ist sein Partner? Höhn oder Mai stehen zur Auswahl, beide spielten zuletzt nebeneinander und dann nacheinander. Zweites Duell für den SVD ist Clemens gegen Paquarada. Kann der Neuzugang die Räume hinter dem Ex-Sandhäuser nutzen? Evtl. kommt hier sogar Skarke zum Einsatz für noch mehr Tempo. Für den FCSP wird es wichtig, ob Eric Smith spielen kann. Er bringt Körperlichkeit mit, die Mehlem und Kempe nicht schmecken dürfte. Zusammen mit Zalazar könnte man hier das spielerische Herz der Lilien bearbeiten.

Schaut man zurück auf das 2:2 im Hinspiel, dürfte sich beim SVD recht wenig tun auf dem Papier. Bei St.Pauli ist das System längst generalüberholt. Die Dreierkette von Beginn an ist Geschichte und das Personal auf sechs Positionen getauscht (wenn alle fit sind). Bislang funktionierte Anfang-Fußball gegen St.Pauli am besten mit der überlegenen individuellen Qualität des 1.FC Köln. Mit Kiel und Darmstadt wartet sein Ansatz noch auf einen Sieg. Wobei man zuletzt sogar gegen Osnabrück weniger Ballbesitz hatte. Vielleicht stehen größere systematische Veränderungen an. Wohin das Pendel am Wochenende ausschlägt ist offen. Für beide Teams besteht die Möglichkeit auf zehn Punkte Abstand zum Relegationsplatz. Dementsprechend umkämpft dürfte das Spiel werden.


[1] https://www.whoscored.com/Teams/1147/Statistics/Germany-Darmstadt

[2] https://projects.fivethirtyeight.com/soccer-predictions/bundesliga-2/

[3] https://www.whoscored.com/Matches/1481481/LiveStatistics/Germany-Bundesliga-II-2020-2021-Nuernberg-St-Pauli