Wie im amerikanischen Highschool-Klischee verprügelt die körperliche Lilien Cliqué die zu verkopften Hamburger Schöngeister. Wieder ein Kantersieg des SVD gegen die vor der Pause orientierungslosen Kiezkicker. Das Spiel in der Analyse:

Diese Analyse kann man durchaus kurz halten, denn weder ist viel vom erwarteten Geschehen auf dem Rasen abgewichen, noch hatte ich besonders viel Spaß bei dieser einseitigen Partie. Beide Teams kamen im gewohnten System auf den Rasen. Die Lilien wieder mit Manu, Schalke-Torschütze Goller fehlte ganz im Kader, also alles unverändert. Beim FCSP spielten Irvine und Amenyido von Beginn an und nicht Dittgen oder Becker. Die Systeme waren die bekannten 4-4-2 in flach und mit Raute. Dabei standen die 98er teilweise nicht ganz so tief gegen den Ball wie noch in der königsblauen Arena, sicher auch weil die Gäste im Mittelfeld kompakt agieren, ganz anders als das zerfledderte S04. St.Pauli stand seinerseits sehr offensiv, phasenweise war die letzte Kette auf Höhe der Mittelline. Problem, das gelang eben wirklich nur in seltenen Phasen (machte dem SVD dann aber durchaus Probleme) und man hatte auch mit Gegner und sich selbst zu kämpfen.

Mit dem Gegner, weil zum wiederholten Male ein Kontrahent mit massiver Mannorientierung auf die braun-weiße Raute reagierte. Langsam braucht man einen Plan B, besonders wenn der ein oder andere Spieler sich zu langsam vom Ball trennt und man körperlich nicht gut gegenhalten kann. Es war so ein Spiel, wo man einen Rodrigo Zalazar vermisste. Zur ganzen Wahrheit gehört auch, dass die robusten Darmstädter ein bisschen zu viel machen durften. Das Foul vor dem Freistoß zum 0:1 war keins, denn Tietz darf Medic munter am Trikot ziehen, während der nur am Arm drückt, das Einsteigen von Gjasula vor der Pause war dunkelgelb und Manu gegen Medic ist ebenfalls eine klare Verwarnung. Danach wirkte der Innenverteidiger auch etwas von der Rolle, irgendwie logisch, wenn man stark blutet. Hier darf man an die Gästebank die Frage stellen, warum man nicht reagiert hat, besonders nach der minutenlangen Behandlungspause und wenn sich der Spieler den Kopf hält.

Mit sich selbst hatte St.Pauli freilich auch zu kämpfen, die Passgenauigkeit und -schärfe fehlte immer wieder, man konnte sein Spiel in der gegnerischen Hälfte kaum kontrolliert aufziehen. Abschlüsse waren auch Mangelware, genau wie die gefürchteten Seitenverlagerungen. Dazu kam der mir nicht ersichtliche Mechanismus, Guido Burgstaller immer wieder auf rechts ziehen zu lassen. Der Stürmer überließ so dem glücklosen Amenyido das Zentrum. Obendrein fing man sich fast ausschließlich vermeidbare Gegentore. Zwei Standards wurden schlecht verteidigt, ein langer Ball und beim 0:4 sieht obendrein Keeper Vasilj nicht optimal aus. Wenn schon geht der FCSP komplett unter, man kennt es aus den vergangenen Jahren. Die xG-Werte von 3,1 zu 0,5 sprechen Bände. Nichts ging bei den Kiezkickern. Was die Absicherung und das Verteidigen von Standards angeht, sah man schon im Weserstadio wackelig aus. Hier muss man in den nächsten Wochen ansetzen.

Auf der anderen Seite funktionierte Mal wieder alles beim SVD. Frühes Tor, der Gegner lässt sich zu leicht körperlich dominieren und die Stürmer sind effizient. Dazu Tempo über die Flügel oder mit dem langen Schlag. Sollte alles bekannt sein, aber selbst der vorher so starke FC St.Pauli ließ sich – um in der Metapher vom Beginn zu bleiben – von breitschultrigen Lilien kopfüber in die Mülltonne stecken. Mit der Bewachung der Raute im Mittelfeld zog man den Gästen den Zahn. Zum eigenen Spiel, dass dem langen Ball nicht abgeneigt ist, passte sicher auch gut, wie hoch die Hamburger stehen wollten. So geschehen beim 0:2, als den braun-weißen ein Befreiungsschlag von Gjasula um die Ohren flog. Dazu kam enormes Tempo über Außen, wo auch Manu sein break-out als 98er hatte. Auch Honsak spielt vermutlich seine konstanteste Phase am Bölle. Man fragt sich zumindest momentan nicht alle zwei Wochen, warum wieder sein regulär talentierter Bruder auf dem Feld agiert. Am bemerkenswertesten finde ich mittlerweile die Entwicklung von Tobias Kempe. Der erlebt seinen zweiten (?) Frühling als Achter im Lieberknecht-System. Die Umschulung scheint geglückt. Er wirkt robust genug und glänzte mit Ruhe am Ball und seiner bekannten Technik. Vermutlich tut es dem Spiel der Lilien sogar gut, dass Kempe nicht mehr die zwangsläufig zweite Option für Tore ist, wie in der Vergangenheit. Zwar traf er immer wieder, aber eben auch mit teilweise langen Durststrecken und Formkrisen. Jetzt kann er sich mehr auf die Organisation und seine Stärke beim ruhenden Ball fokussieren. Das funktioniert zumindest sehr gut so.

Für beide Teams also ein sehr unterschiedlicher Nachmittag. Auch für beide gilt die Frage, ob sie „for real“ sind. Bis zum Bremenspiel war es der FCSP, dann brach der Sandhausen-Ausfall den Rhythmus. Jetzt muss man gucken, ob man Lösungen gegen die Manndeckung der Kreativspieler hat. Das hat sich scheinbar bei den Gegnern als Lösung herumgesprochen. Gegen Sandhausen im Nachholspiel muss ein klassisches Revenge-Game her. Beim SVD sieht es aus, als wüssten wir alle was das Team spielt, aber keiner kann es verhindern. System und Mechanismen sind weder neu mittlerweile, noch für sich alleine Hexenwerk. Aber in der Summe bulldozert die Truppe aus Südhessen momentan über die Liga hinweg. Vermutlich steht selbst Trainer Lieberknecht teilweise erstaunt am Rand und kann nicht glauben, wie gut das alles läuft. Alles perfekt also um in Aue zu stolpern. Danach kommen mit Düsseldorf und Paderborn auch nicht die liebsten Gegner. Erfolgreiche nächste Wochen könnten den Kurs auf einen sensationellen Saisonausgang setzen.